Volksbegehren „Cieli Blu“ – Eine Einordnung

In den letzten Wochen wurden wir mehrfach auf das Volksbegehren „Cieli Blu“ angesprochen, das ein gesetzliches Verbot von Geoengineering und jeder „Manipulation unserer Himmel“ anstrebt. Zuletzt wurden wir eingeladen, eine Veranstaltung dazu mitzutragen. Das hat uns bewogen, unsere Position öffentlich darzulegen, denn dieses wichtige Thema verdient eine ehrliche Auseinandersetzung.

Geoengineering: Eine reale und legitime Debatte

Geoengineering bezeichnet eine Reihe technologischer Eingriffe in Klimasysteme, mit dem Ziel, die Erderwärmung abzumildern. Allgemein werden zwei Kategorien von Ansätzen unterschieden: Einerseits dem Management der Sonneneinstrahlung, zu der beispielsweise das stratosphärische Einbringen von Sulfatpartikeln zählt, die Sonnenstrahlung reflektieren sollen und andererseits verschiedene Methoden zur Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre. Während beide Kategorien Risiken bergen, konzentrieren wir uns hier auf ersteres, da es im Volksbegehren in erster Linie darum geht und dies auch aus vielerlei Hinsicht der problematischere Ansatz ist.

Das Konzept des Managements der Sonneneinstrahlung wird in Teilen der Wissenschaft ernsthaft diskutiert. Es wird nicht nur die mögliche technische Umsetzung diskutiert, sondern auch die erheblichen Risiken, mit denen es verbunden ist: Es greift in komplexe Klimasysteme ein, kann dadurch regionale Wettermuster destabilisieren, birgt schwer absehbare ökologische Folgen und wirft tiefgreifende Fragen der globalen Gerechtigkeit auf. [1] Wer entscheidet, welche Regionen der Erde welchen Eingriffen ausgesetzt werden? Wer trägt die Konsequenzen, wenn etwas schiefgeht? Und vor allen Dingen: wer profitiert?

Diese Technologien kranken an einer technologischen Hybris, die in der Geschichte des Kapitalismus immer wieder dazu geführt hat, Probleme, die diese Marktlogik selbst erzeugt, durch technische Mittel zu bekämpfen, anstatt Ursachen anzugehen. Für das Geschäft ist es von Vorteil, auf selbst erzeugte Probleme mit weiteren Produkten zu reagieren, anstatt das Problem an sich zu lösen. Klassische Beispiele dieser Vorgangsweise findet man in der Pharmaindustrie. [2] Geoengineering ist kein Ersatz für Dekarbonisierung und der notwendigen Transformation unserer Wirtschaftsweise – und die Gefahr ist real, dass es als solcher instrumentalisiert wird und die Fossillobby ihr Geschäft dadurch weiter sichert.

Kondensstreifen sind keine Chemtrails

Umso störender ist es, dass das Volksbegehren „Cieli Blu“ seine Argumentation nicht auf dieser wissenschaftlich fundierten Kritik aufbaut, sondern auf einer Verschwörungstheorie: der sogenannten Chemtrail-These. Der Hauptslogan der Kampagne lautet unmissverständlich: „No alle scie chimiche“ – Nein zu Chemtrails.

Dahinter steht die Behauptung, dass Kondensstreifen von Flugzeugen absichtlich mit Chemikalien angereichert werden, um Wetter, Gesundheit oder gar die menschliche Psyche zu beeinflussen. Das ist falsch. Kondensstreifen sind eine physikalische Reaktion: Wasserdampf aus den Abgasen von Flugzeugtriebwerken gefriert in der Kälte der oberen Atmosphäre zu Eiskristallen. Wer verstanden hat, wie Wolkenbildung funktioniert, erkennt sofort, was hier passiert. Es gibt keine belastbaren wissenschaftlichen Belege für die Chemtrail-Theorie, und sie wurde vielfach widerlegt. (Siehe Referenzen und Links auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Chemtrail)

Das bedeutet nicht, dass Flugverkehr harmlos wäre – im Gegenteil. Flugzeuge beeinflussen das Klima durch CO₂-Ausstoß, Stickoxide und tatsächlich auch durch die Kondensstreifen selbst, die zur Wolkenbildung beitragen (Wasserdampf ist ein starkes Treibhausgas). Früher enthielten die Abgase zudem höhere Mengen Schwefeloxide – eine Substanzklasse, die ironischerweise in manchen Geoengineering-Konzepten gezielt eingesetzt werden soll: allerdings in der Stratosphäre, also in einer Höhe wo herkömmliche Passagierflugzeuge, welche für die Kondensstreifen verantwortlich sind, nicht fliegen. Die realen Probleme des Luftverkehrs sind durchaus diskussionswürdig. Aber sie haben nichts mit geheimen Chemikalien zu tun.

Warum Verschwörungstheorien schaden – gerade hier

Man könnte versucht sein zu sagen: Der Text des Gesetzesentwurfs ist im Kern gar nicht so falsch, also warum die Aufregung über das Framing? Dieser Einwand verdient eine ernsthafte Antwort.

Verschwörungstheorien lenken ab. Wer die Klimakrise auf geheime Chemtrail-Programme zurückführt, verschleiert die tatsächlichen Mechanismen: die fossile Industrie, die strukturelle Abhängigkeit unseres Wirtschaftssystems von Wachstum und Ressourcenverbrauch, die Tatsache, dass überreiche Personen einen deutlich größeren Teil dieses Wachstums abschöpfen, die politischen Kräfte, die, unterstützt durch einen Teil dieser überreichen Personen, jede ernsthafte Klimapolitik blockieren. Die echte „Verschwörung“ – wenn man das Wort verwenden möchte – findet offen statt: in Lobbybüros, auf Hauptversammlungen und in Parlamenten. [3]

Schlimmer noch: Wer Geoengineering als Chemtrail-Phänomen rahmt, liefert dessen Befürwortern das ideale Gegenargument. Sie können jeden berechtigten Widerstand gegen Geoengineering-Pläne als Spinnerei abtun. Das ist keine theoretische Gefahr – es ist die logische Konsequenz dieser Konfundierung. Wenn die kapitalismuskritische Umweltbewegung glaubwürdig gegen Geoengineering Position beziehen will, dann muss sie das auf wissenschaftlichem Boden tun, nicht auf dem von Desinformation.

Wissenschaftsfeindlichkeit einhalt gebieten!

Gerade in Zeiten, in denen das Misstrauen gegenüber Institutionen verbreitet ist, ist die Versuchung groß, Wissenschaft pauschal zu delegitimieren. Wir verstehen, woher dieses Misstrauen kommt – nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat Wunden hinterlassen. Maßnahmen wurden zu Recht kritisiert, Kommunikationsfehler wurden gemacht. Aber daraus kann keine pauschale Wissenschaftskritik folgen. Wissenschaft ist kein Monolith der Macht, sondern ein mühsamer, gesellschaftlicher Prozess der Erkenntnisgewinnung – mit echten Irrtümern, aber auch echter Selbstkorrektur.

Es macht keinen Sinn, Geoengineering als Bedrohung zu erkennen und gleichzeitig die Klimakrise zu leugnen oder kleinzureden, wie das auch auf dem Blog von “Cieli Blu” passiert. [4] Das eine bedingt das andere. Gerade weil die Erderwärmung real und ernst ist, wächst der Druck auf technologische Schnelllösungen. Je stärker die Krise eskaliert, desto lauter werden jene Stimmen, die nach drastischen Eingriffen rufen – und desto schwieriger wird es, diese zu verhindern. Die beste Prävention gegen Geoengineering ist eine ernstzunehmende, wissenschaftlich fundierte Klimapolitik – keine Verharmlosung der Krise.

Unterschreiben oder nicht?

Der eigentliche Gesetzestext des Begehrens enthält einen Kern, den wir nicht grundsätzlich ablehnen: ein Verbot einiger Geoengineering-Maßnahmen. Das ist eine legitime politische Forderung. Ob man eine Unterschrift als pragmatischen Akt der Opposition gegen Geoengineering versteht, oder ob man die problematische ideologische Einbettung für nicht vertretbar hält – das muss jede und jeder für sich entscheiden.

Unsere Empfehlung ist nicht zu unterschreiben, weil dadurch ideologisch problematische Positionen gestärkt werden. Bisher hat keine Partei Unterstützung dieses Begehrens signalisiert. Auch nicht das tendenziös rechte Spektrum, dem sich die Promoterin Frida Chialastri wohl aufgrund ihres Ideologiemixes zwischen Klimaskepsis, Gegnerschaft von LGBTQ+ Rechten und Abtreibung zuordnen lässt. [5] Aus unserer Sicht ist klar: Die Verschwörungstheorie-Rahmung dieses Begehrens schwächt genau das Anliegen, das es zu vertreten vorgibt. Wer Geoengineering wirksam bekämpfen will, darf es nicht den falschen Freunden überlassen.

Climate Action South Tyrol spricht sich klar und unmissverständlich gegen jede Form des Geoengineering, kategorisiert als „Management der Sonneneinstrahlung“, aus. Hingegen Formen, die unter der Bezeichnung „Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung“ laufen und CO₂ der Atmosphäre nehmen, befürworten wir je nach genauer Umsetzung. Bei technischen Lösungen, die darauf abzielen, CO₂ der Atmosphäre zu entziehen, sehen wir aktuell keine skalierbaren Ansätze. Allgemein sehen wir inzwischen allerdings die Notwendigkeit der CO₂-Extraktion. Vor 5 Jahren, als Climate Action gegründet wurde, hatten wir noch Hoffnung, dass die Herausforderung ohne solche Techniken gelöst werden könnte. Inzwischen ist leider klar, dass dies nicht der Fall ist: die Emissionen steigen weiter an, auch bei uns in Südtirol. Eine richtige und differenzierte Einordnung dieser Technologien sprengt den Rahmen dieses Artikels und soll in einem zukünftigen Beitrag erfolgen.

[1] https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-environ-112321-081911 

[2] https://www.penguinrandomhouse.com/books/733970/pharmanomics-by-nick-dearden/

[3] https://www.piper.de/buecher/die-milliarden-lobby-isbn-978-3-492-07331-8 

[4] https://www.cieliblu.it/quanto-ce-di-non-vero-sullemergenza-climatica/   

[5] https://www.provitaefamiglia.it/blog/elezioni-umbria-intervista-a-frida-chialastri-umani-insieme-liberi